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Liestal. Die Arbeitswelt wird immer anspruchsvoller, warnt Regierungsrat Urs Wüthrich
Angespannte Lehrstellensituation, Sorgen wegen Jugendlichen mit schulischen und sozialen Defiziten, neue Ausbildungsgänge: Urs Wüthrich nutzte den ersten Schultag am KV Liestal zu einem Überblick im Lehrstellenbereich.
Die Klasse A1a des KV Liestal, die gestern die für das Baselbiet brandneue zweijährige Ausbildung zum Büroassistenten startete, ist nicht eben homogen. Das Alter der jungen Leute schwankt zwischen 16 und 22 Jahren und die Vorbildung meist zwischen abgebrochenen Lehren und Schulen oder der Nutzung von Brückenangeboten. Gemeinsam ist der Klasse aber die Erleichterung, nun doch noch einen Ausbildungsplatz gefunden zu haben. Wie gross diese Erleichterung sein muss, lässt sich am ehesten an jener jungen Frau abschätzen, die rekordverdächtige 400 Bewerbungen geschrieben hat.
32 künftige Büroassistenten haben gestern im Kanton ihre Ausbildung gestartet, eine Folge des neuen Berufsbildungsgesetzes, das zweijährige Attestausbildungen mit relativ tiefen Einstiegshürden auch in andern Bereichen wie im Detailhandel oder in der Gastronomie ermöglicht. Dass so viele junge Frauen und Männer mit dem neuen kaufmännischen Ausbildungsgang beginnen konnten, hat aber auch mit einer Lehrstellenoffensive bei Kanton und Gemeinden zu tun. Dies alles war für Erziehungsdirektor Urs Wüthrich Grund genug, am ersten Schultag die Klasse A1a zu besuchen, was die Schüler mehr zu irritieren als zu erfreuen schien. Doch nach einer Anlaufphase wurden sie etwas gesprächiger, erzählten von den Schlaufen und Hürden in ihren bisherigen Schullaufbahnen, ihren Traumberufen vom Informatiker bis zum Musiker und von ihren Weiterbildungswünschen › wer die Attestausbildung erfolgreich absolviert, kann mittels Zusatzjahr einen kaufmännischen Lehrabschluss anpeilen.
Immer noch angespannt. Urs Wüthrich nutzte den ersten Schultag auch für eine Tour d’Horizon, im Lehrstellenbereich. Der Lehrstellenmarkt sei im Kanton immer noch angespannt, aber «auf einem vergleichsweise hohen Niveau relativ stabil». Dabei sieht Wüthrich nicht in erster Linie in der Anzahl Lehrstellen, sondern bei den Auswahlmöglichkeiten und den Anforderungen an die Schulabgänger Probleme: «Jugendliche scheitern oft an Tests von Firmen.» Die Schuld dafür liege aber nicht in erster Linie bei den Schulen › Wüthrich: «Ich wehre mich gegen eine pauschale Verunglimpfung unserer Volksschulen» › sondern bei der immer anspruchsvolleren Arbeitswelt.
Sorgen machen dem Regierungsrat vor allem Jugendliche mit schulischen und sozialen Schwierigkeiten: «Als Bildungsdirektor ist es mir ein absolut prioritäres Anliegen, allen Jugendlichen eine Ausbildung auf der Sekundarstufe II zu ermöglichen. Nur so können wir uns den wichtigen Standortfaktor gesellschaftliche Stabilität und sozialer Frieden sichern.»
Knapp 1600 Jugendliche starten im Kanton in diesem Sommer eine Lehre, 181 Lehrstellen waren Anfang August unbesetzt, und 500 Jugendliche besuchen Brückenangebote, um ihre schulischen Defizite aufzuarbeiten. Solche Angebote sind für Wüthrich sehr wichtig, und er verwies auf weitere Unterstützungsmassnahmen seitens des Kantons: «Junior Job Service» (Jugendliche werden in Lehrstellen vermittelt), «Projekt Mentoring» (vor allem für Migranteneltern), "E Lehr mit Kick" (Lehrlinge werden zusätzlich gefördert), Stützkurse an den Berufsfachschulen und neu das «Check-In aprentas».
Geschafft. Céline von Burg (17) aus Aesch hat gestern ihre Ausbildung als Büroassistentin am KV Liestal begonnen, zwei Jahre nach ihrem Abschluss der Sekundarschule. So hat eine längere berufliche Odyssee ein glückliches Ende gefunden, auch wenn die jetzige Lehrstelle bei einem Nutzfahrzeugunternehmen wenig mit von Burgs ursprünglichem Traumberuf als Tierpflegerin zu tun hat. Nachdem sie ein erstes Mal als tiermedizinische Praxisassistentin geschnuppert und eine Absage erhalten hatte, besuchte sie ein Jahr lang ein Brückenangebot zum Thema Natur an der Gewerbeschule in Basel, um ihre Chancen zu steigern. Aber es wollte wieder nicht klappen, so dass von Burg im letzten Sommer ohne Lehrstelle dastand. Sie besuchte die Baselbieter Jugendberatungsstelle «Wie weiter» in Birsfelden und bewarb sich als Büroassistentin. Nach dem 30. Anlauf und einem Schnupperkurs erhielt sie dann eine Zusage. Die Absagen hätten sie ins Zweifeln gebracht; Eltern und die Beraterin halfen ihr aber über die schwierige Zeit hinweg.