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e Lehr mit Kick |
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de Marchi Peter/ Basler Zeitung; 30.8.05, Seite 14
Urs Wüthrich und Niklaus Gruntz zur Lehrstellensituation im Kanton Baselland
Auch in Baselland fehlen Lehrstellen, aber die Lage ist sehr viel entspannter als in der Stadt. Was machen die Baselbieter anders? Bildungsdirektor Urs Wüthrich und Niklaus Gruntz, Leiter des Amts für Berufsbildung und Berufsberatung, nehmen Stellung.
baz: In der Stadt war letzte Woche Feuer im Dach. Politik und gewisse Wirtschaftsverbände finden sich nicht, wenn es darum geht, Jugendlichen genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Wie sieht diese Zusammenarbeit im Baselbiet aus?
Urs Wüthrich: Bei quasi allen Projekten arbeiten wir sehr eng mit der Wirtschaft zusammen, konkret mit der Wirtschaftskammer Baselland und der Handelskammer beider Basel. So beteiligt sich der Kanton an der Berufsschau der Wirtschaftskammer, dieses Jahr mit fast einer Million Franken. Und er finanziert einen Lehrstellenförderer, der sein Büro im Haus der Wirtschaft hat.
Was aber hat der Kanton konkret von dieser Zusammenarbeit? In der Stadt ist oft zu hören, der Kanton würde die Wirtschaftskammer subventionieren.
Wüthrich: Wenn der Kanton 950 000 Franken an die Berufsschau zahlt, ist dies kein Blankocheck an die Wirtschaftskammer. Das Geld ist an klare Auflagen gebunden. Im Grunde ist es ein Leistungsauftrag, den die Wirtschaftskammer im Auftrag des Kantons professionell umsetzt. Wenn zudem eine Person aus dem Haus der Wirtschaft bei den Firmen Überzeugungsarbeit leistet, dass sich Lehrlingsausbildung lohnt, spart der Kanton viel Geld. Diesen Weg geht jetzt auch Basel-Stadt.
Niklaus Gruntz: Die Wirtschaftskammer hat dafür gesorgt, dass 64 Lehrlinge in einer Verbundlösung angestellt worden sind, was kleine Betriebe entlastet. Um die Koordination sicherzustellen, erhält sie Geld vom Kanton. Müssten diese jungen Leute in einem Brückenangebot untergebracht werden, würde uns dies 20 000 Franken pro Kopf kosten.
Ist die Lehrstellensituation entspannter als in der Stadt?
Gruntz: Es sind im Moment rund 60 Jugendliche, die direkt nach der Volksschule noch keine Anschlussmöglichkeit gefunden haben und sich bei der Beratungsstelle "wie weiter?" melden.
In der Stadt sind es bedeutend mehr. Liegt das daran, dass viele Baselbieter Jugendliche eine Lehrstelle in der Stadt finden und den städtischen Jugendlichen den Platz wegnehmen?
Wüthrich: Die Zahl der Lehrstellen ist im Baselbiet in den letzten Jahren leicht angestiegen, in der Stadt dagegen markant gesunken. Es stimmt tatsächlich, dass rund 30 Prozent der Baselbieter Jugendlichen ihre Ausbildung in der Stadt absolvieren. Dieser Anteil ist aber stabil geblieben und kann somit nicht für den Lehrstellenmangel in der Stadt verantwortlich gemacht werden.
Gruntz: Im Gegenzug finden auch 25 Prozent von Jugendlichen aus anderen Kantonen eine Lehrstelle bei uns.
Die Situation im Kanton Baselland ist also recht komfortabel, im Gegensatz zu Basel-Stadt, wo 400 Stellen gesucht werden. Wäre da nicht eine engere Zusammenarbeit sinnvoll?
Gruntz: Wir suchen ebenfalls ständig Lehrstellen. Wir haben 68 freie Lehrstellen auf 1800 abgeschlossenen Lehren. Wenn bei 1800 Wohnungen noch 68 frei sind, spricht man von einem höchst angespannten Wohnungsmarkt. Im Übrigen ist die Zusammenarbeit mit dem Amt für Berufsbildung und Berufsberatung in Basel sehr eng.
Dann ist die Situation im Baselbiet doch nicht so komfortabel?
Wüthrich: Für fast 100 Prozent der Schulabgänger konnte eine Lehrstelle oder ein Platz im Brückenangebot gefunden werden. Das ist erfreulich. Aber ein grosser Teil dieser Jugendlichen haben wahrscheinlich nicht den Platz gefunden, den sie gern gewollt hätten.
Was unternimmt der Kanton Baselland weiter, um die Situation auf dem Lehrstellenmarkt zu entschärfen?
Wüthrich: Eine Lehrstelle zu finden, und die Lehre dann auch durchzuziehen, sind zwei Paar Stiefel. Daher sind die Stützmassnahmen, die wir eingerichtet haben, sehr wichtig. Ein Programm etwa heisst "E Lehr mit Kick". Schulisch schwächere Lehrlinge drücken zusätzlich am Samstagmorgen die Schulbank. Jeder Lehrbetrieb erhält für jede bei ihm abgeschlossene Lehre als symbolisches Dankeschön einen Check in der Höhe von 200 Franken. Das ist auf sehr positives Echo gestossen.
Gruntz: Für schwache Schüler wird das Angebot von "wie weiter?" deutlich ausgebaut. Die bisher 2,6 Stellen werden auf das nächste Jahr hin verdoppelt.
Wüthrich: Der Kanton will zudem eine Vorbildrolle übernehmen und wird mit 50 neu zu schaffenden Lehrstellen künftig deutlich über seinen Bedarf hinaus ausbilden, speziell in dem Segment der weniger anspruchsvollen Attestausbildungen. Für dieses Projekt soll der Landrat eine Million Franken sprechen.
Private können nicht einfach beim Parlament einen Kredit beantragen. Ist das nicht ein schlechtes Signal an die Privatwirtschaft, wenn man doch zeigen will, dass sich Lehrlingsausbildung lohnt?
Wüthrich: Diese Rechnung ist sehr unvollständig. Wie so oft beim Kanton wird der Ertrag nicht verbucht. Wir müssen aufzeigen, dass die Lehrlinge produktive Arbeit für die Firma leisten, dass nicht nur Kosten entstehen, sondern auch ein Ertrag erwirtschaftet wird.
Gruntz: Es ist erwiesen, dass die Wertschöpfung eines Lehrlings umso grösser ist, je kleiner der Betrieb ist.
Es ist ein Thema: Basels Schulen seien schlecht. Ist dem tatsächlich so?
Urs Wüthrich: Es steht fest, dass es Jugendliche, die in der Stadt die Schulen besucht haben, schwerer haben, eine Lehrstelle zu finden. Das hängt wesentlich damit zusammen, dass in der Stadt der Anteil der Jugendlichen, die mit der Sprache Schwierigkeiten haben, höher ist als auf dem Land. Es gibt aber auch im Baselbiet ein Segment von Jugendlichen, die schwer zu integrieren sind. Einen direkten Rückschluss auf das Schulsystem möchte ich nicht ziehen.
Haben Jugendliche aus dem Prattler Längi-quartier die besseren Chancen als die aus dem Kleinbasel?
Gruntz: Basel redet ständig sein Schulsystem schlecht. Da muss ja bald jeder Lehrmeister den Eindruck bekommen, er könne keinen Basler Jugendlichen mehr in die Lehre nehmen. Aber die Schwierigkeiten sind in beiden Kantonen dieselben. Schulisch schwache Jugendliche haben in unserem Kanton die genau gleichen Probleme, eine Stelle zu finden wie in der Stadt.
Steigen gleichzeitig auch die Anforderungen an die Lehrlinge?
Wüthrich: Der Wettbewerbsdruck, unter dem die Wirtschaft steht, hat tatsächlich gnadenlose Auswirkungen auf die Lehrstellen. Fallen Arbeitsplätze weg, fallen automatisch Ausbildungsplätze weg. Dann ist immer wieder die Kritik zu hören, die Ausbildung werde immer mehr akademisiert, die Ansprüche würde höher geschraubt. Das aber ist nicht Selbstzweck. Auch so genannt einfache Tätigkeiten machen einen rasanten technologischen Wandel durch, im Spital wie in der Schreinerei.
Aber ist dieser Trend zur Akademisierung wirklich sinnvoll?
Wüthrich. Die Steigerung der Ansprühe kommt aus der Berufsrealität. Und diese dürfen wir nicht ignorieren.
Im Gegenzug leisten Sie grosse Anstrengungen, einfache Büro- oder Verkaufslehren zu fördern, so genannte Attestlehren.
Gruntz: Im Verkauf ist ein seltsamer Trend zu beobachten. Im vergangenen Jahr hatten wir 90 zweijährige und rund 40 dreijährige Lehrabschlüsse. Dann haben wir versucht, die Attestausbildungen zu pushen. Mit dem Ergebnis, dass wir in diesem Jahr wieder 130 Lehrverträge haben, aber fast alle mit dreijährigen Lehren. Dasselbe Phänomen ist im Gastgewerbe zu beobachten.
Macht es da überhaupt noch Sinn, diese zweijährige Attestlehre zu propagieren?
Wüthrich: Der Kanton muss den Firmen klar machen, dass die Attestausbildungen etwas wert sind. Zudem gibt es eine grosse Zahl von Jugendlichen, die nach der Schule schon gar keine Lehrstelle suchen. Wenn es uns gelingt, diese Jugendlichen mit den Attestausbildungen abzuholen, haben wir viel erreicht. Denn wer nach der Schule einfach rumhängt, läuft geradewegs in eine Sackgasse. Mit einer weniger anspruchsvollen Attestausbildung sind die Chancen fürs spätere Leben in Beruf und Gesellschaft grösser, als wenn ein Jugendlicher gar nichts hat. Jede Lehre ist besser als keine Lehre.
Leistungen für Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen:
Zusätzlich leistet der Kanton Baselland noch die folgenden Anstrengungen zur Lehrstellenförderung:
Alle Fäden laufen zusammen beim Amt für Berufsbildung und Berufsberatung, Rosenstrasse 25, 4410 Liestal, Tel. 061 927 28 28.